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Datum

2008-04-27

 

Mal wieder was vom Jens!


Liebe Freunde und Familie,

nun sind es wieder drei Monate geworden, bevor ich die Zeit und die Muse fand, einen neuen Newsletter zu schreiben. Und wieder wäre es gelogen, wenn ich sagen würde, mein Leben sei seitdem ereignislos gewesen.

Zu aller Erst das Wichtigste... zumindest in meinen Augen:

An Ostern war es einfach ein perfektes langes Wochenende, welches Sabine und ich erlebten. Nicht wirklich viel haben wir unternommen, aber alles zusammen, miteinander. Und als wir so am Ostermontag gekocht hatten – zusammen, wie es den meisten Spaß macht – und in unserer Bistro Ecke im Wohnzimmer saßen, spürte ich in meinem Bauch nicht das Essen, sondern die laute und deutliche Stimme, die sich in den Wochen davor immer wieder gerührt hatte, der ich aber dennoch noch nicht ganz trauen mochte. Nun aber war sie laut und deutlich, drängend: „Sag es endlich!“ schrie mich mein Bauch an. Und ich konnte nicht mehr viel an Bedenken und Ängsten dagegen halten.

Also sprudelte es dann aus mir raus, und ich weiß nicht, ob ich oder Sabine mehr überrascht war: „Willst Du mich heiraten?“ Die Worte, die schon mal, vor 23 Jahre sagte. Ich gebe ja zu, dass man solcherlei vielleicht im großen Rahmen machen sollte, aber nun sagte alles in mir, dies sei der richtige Augenblick. Sabine sah mich an, überrascht wohl ob des Augenblickes, und sagte das Wort, dass uns Männer vor der größten Peinlichkeit des Lebens bewahrt: „Ja!“.

Nun ist dem wohl so, dass Sabine und ich also seit Ostern verlobt sind. Und ja: Nach all dem Chaos der letzten Jahre hat sie Liebe und Wärme in mein Leben gebracht. Hat mir das Vertrauen wieder gegeben, eben einem Menschen an meiner Seite 100% zu trauen, nicht Angst zu haben, wenn ich einen Einsatz in München oder im Ausland zu haben, dann wird daraus ein nicht lösbares Problem entstehen, geliebt zu werden auch in Zeiten der Probleme.

Nun, eben genau letzteres ist eben geschehen. Seit September verfolgt mich Vanessa juristisch. Schlimm genug, dass sie mir emotional so lange nachhing. Aber Schreiben von Anwälten und ihre Anzeige waren für mich belastend. Und Sabine hat mir in dieser Zeit gezeigt, was eben Loyalität bedeutet. Das ich sie liebe, ist so selbstverständlich, dass ich nicht drüber schreiben muss. Dass Liebe alleine aber nicht ausreicht, hat mir Vanessa vor Augen geführt. Und nun habe ich einen Hafen gefunden. Und ich bin froh und glücklich, mit ihr mein Leben teilen zu dürfen.

Wünscht mir also Glück! Denn letztlich gehört zu einer guten Beziehung auch das Glück.

Wir planen grade die Hochzeit. Wahrscheinlich wird es Anfang August werden. Wir werden aber versuchen, den 08.08.08 zu umgehen, sind doch die Ehen, die an solchen Daten geschlossen werden, genau jene mit den höchsten Scheidungsraten ;-)

Was ist noch so passiert?

Nun, Sabine und ich haben Urlaub gemacht. Schön war es. Wir waren wieder einmal in Dahab, denn um diese Jahreszeit (Anfang – Mitte April) ist es dort am besten vom Wind her. Und es war super: Bis auf zwei Tage sehr guter Wind. Und das meist immer den ganzen Tag. Das alles bei 28° - 32° Luft und 25° Wasser. So sind Sabine und ich doch ganz gut wieder ins Surfen gekommen und haben uns fern der Arbeit sehr gut erholt. Bilder sieht man unter http://jens.gersdorff.de/jalbum/Urlaube/2008%20Dahab/index.html

Dann natürlich die Arbeit:

Anfang des Jahres war ich eine ganze Zeit in München. Ich hatte den Auftrag in einer Firma das Projekt Management unter die Lupe zu nehmen und Vorschläge zur Verbesserung zu erarbeiten. Insoweit eine schöne Aufgabe, wenn ich nicht nach einer kurzen Zeit das deutliche Gefühl bekommen hätte, dass ich als eine Art Feigenblatt dienen sollte und meine Vorschläge als Schrank-Ware enden würden. So ist es dann wohl auch gekommen.

Danach (und nach dem Urlaub) war ich sofort in einem Auftrag in den Niederlanden. Und da bin ich, jetzt, wo ich diese Zeilen tippe auch. Ich arbeite für das Europäische Patent Amt (EPO) und soll erarbeiten, in wieweit sich ihre unterschiedlichen Web-Präsenzen vereinheitlichen lassen und unter einen Hut zu bekommen sind. Dies ist vor allem eine Mediationstätigkeit, denn hier ist das typische passiert, was in vielen großen Organisationen vorkommt: IT versteht Geschäft nicht, und Geschäft versteht IT nicht! So übersetzte ich vor allem beide Sprachen und stelle dabei fest, dass alle das Gleiche wollen und doch nicht miteinander reden können.

Dieser Auftrag wird hws. über den gesamten Sommer laufen. Das ist besonders schön, denn das EPO steht 7 km Luftlinie von der Nordsee entfernt.

Nun müsste ich mich an sich ja noch mal aufregen… wenn ich es nicht schon getan hätte: 20% der deutschen Arbeitnehmer arbeiten mittlerweile im Billiglohn-Sektor, Preise für Lebensmittel steigen um bis zu 40%, Rente steigen auch nicht real, … wo führt es hin?

Diese Frage ist nun wirklich keine Akademische, denn wir alle werden die Auswirkungen spüren: Immer mehr Menschen werden aus dem Mittelstand abrutschen in die Armut, ein paar schaffen es in die oberen Bereiche der Verdiener. Diese Schere wird also immer weiter aufklappen. Wenn man sich allerdings in der Geschichte umsieht, wird man feststellen, dass es Frieden in der Gesellschaft nur geben kann, wenn es eben der Mehrheit der Menschen gut geht. Dieser Frieden wird also mit der Zeit immer brüchiger. Die ersten Ausläufer sind schon zu spüren: Streiks nehmen zu, Tarifauseinandersetzungen verschärfen sich. Aber es läuft ja alles im Rahmen der gesellschaftlichen Spielregeln ab. Aber wie lange wird unsere Gesellschaft die zunehmende Spannung zwischen Arm und Reich aushalten, wenn der Kitt in der Mitte bröckelt und irgendwann gänzlich fehlt?

Aber die eigentlichen Fragen sind andere: Wer trägt Verantwortung den Zustand zu ändern? Alle. Und das meint auch und grade die „Kapital-Eigner“. Denn es muss ihnen klar sein, dass sie das Kapital nur halten und vermehren können, wenn es sozialen Frieden gibt. Zwar ist die Gesellschaft Armen noch nicht globalisiert, aber die Fluchtpunkte mit sozialem Frieden werden auch immer weniger.

In Zeiten des Internets können soziale Unruhen anders laufen als die Revolutionen des zwanzigsten Jahrhunderts.

Wir reden auch nicht mehr - wie in den alten Zeiten des Klassenkampfs - von einer „Verelendung in der Arbeit“, sondern zunehmend von einer „Verelendung außerhalb der Arbeit“, da immer mehr Menschen vom Arbeitsprozess ausgegliedert werden. Der Versuch, dies mit Hilfe von prekären Arbeitsverhältnissen zu stoppen, wird nicht funktionieren. Aber wenn Altes nicht funktioniert (was weder Neoliberale (was meint hier eigentlich Liberal??)) noch Linke verstehen), weil es eben eine neue Situation ist, müssten auch neue Ideen her. Neue Ideen zum Thema Gesellschaft. Aber wo sind die? Wo sind die Intellektuellen, die sich den hochgebildeten Kopf darüber zerbrechen müssten?

Aber selbst wenn es zu neuen Ideen käme, wäre die Gruppe derer, die sich an Besitzständen (oder eben den schwindenden Besitzständen) bis zu letzt klammern so groß, dass in der Umsetzung nur wieder ein Kompromiss herauskäme, der beiden Seiten nicht taugt und für die Zukunft nicht geeignet ist.

Ein schönes Beispiel ist die Rente und die dringend notwendige Reform. Weil diese Reform nicht gelingen mag, schreien alle nach mehr Kindern. Aber wer schafft Arbeit für diese Kinder, dass sie eben Mehrwerte schaffen, die Einzahlungen ermöglicht? Also egal. Darüber dürfen sich spätere Generationen von Politikern Gedanken machen. Dabei ist es seit den Siebzigern anzusehen, dass die Zahl der Rentner im Verhältnis zu den Arbeitnehmern stark anwachsen wird! Wie es eben heute schon abzusehen ist, dass „Billiglöhner“ und „Aufstocker“ eine Armutsrente bekommen, und die Parteien uni sono sagen: „Das ist doch gar nicht ein Problem heute!“. … nach uns die Sinnflut!

Im Projekt Management heißt eine Devise: “Managen Sie Projekte, indem sie Risiken managen!“ Da sollte man der Politik sagen. Wenn man heute sieht, dass man in 15 Jahren mit 90%er Wahrscheinlichkeit ein Problem haben wird, ist der „Workaround“ heute preiswerter zu bekommen denn in 15 Jahren!

Also. Jetzt habe ich mich doch aufgeregt! Ein interessantes Netz-Fundstück zu diesem Thema unter

http://www.fetzen.net/endlich/11%20attacken/Feierabend-Buch%20Es%20rettet%20Euch%20kein%20Billiglohn!%20--%20Norbert%20T.html

Gehabt Euch wohl. Und kommt gut und glücklich durch die Zeit!

Euer

Jens

 

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